Ich arbeite als Fractional CMO, also mit festen Tagen pro Woche. Trotzdem rate ich in manchen Erstgesprächen davon ab. Es gibt Situationen, in denen ein Unternehmen nicht zwei Tage Führung pro Woche braucht, sondern fünf, und zwar ab sofort. Dann ist ein Interim CMO die bessere Wahl. Wie sich die Modelle grundsätzlich unterscheiden, steht im Vergleich Fractional, Interim und Agentur. Hier geht es um die Frage, wann Vollzeit gewinnt.
Vier Situationen, in denen Interim gewinnt
1. Die Marketingleitung ist plötzlich weg
Kündigung, Krankheit, Elternzeit: Ein Team von fünf oder mehr Leuten steht ohne Führung da, Kampagnen laufen weiter, Entscheidungen bleiben liegen. Eine Nachbesetzung dauert erfahrungsgemäß drei bis neun Monate. In dieser Zeit braucht das Team jemanden, der täglich ansprechbar ist, Budgets freigibt und Konflikte löst. Ein Fractional CMO mit zwei Tagen pro Woche kann das nur zum Teil.
2. Turnaround
Der Umsatz bricht ein, die Kosten je Anfrage steigen, die Geschäftsführung muss in wenigen Monaten Ergebnisse zeigen. In so einer Lage geht es um Tempo und um unangenehme Entscheidungen: Agenturen kündigen, Budgets umschichten, Kanäle abschalten. Das braucht volle Präsenz und das Mandat, diese Entscheidungen auch umzusetzen.
3. Rebranding oder Relaunch
Eine neue Marke, eine neue Website, ein neuer Markenauftritt über alle Kanäle, oft mit festem Termin. Hier laufen viele Fäden gleichzeitig: Agenturen, interne Abteilungen, Freigaben durch die Geschäftsführung. Für die heiße Phase von drei bis sechs Monaten ist eine Vollzeit-Leitung meist günstiger als die Verzögerungen, die sonst entstehen.
4. Integration nach einer Übernahme
Zwei Unternehmen, zwei Marketingteams, zwei Marken, zwei Systeme. Jemand muss entscheiden, welche Marke bleibt, welche Werkzeuge weiterlaufen und wer was verantwortet. Das ist politisch heikel und braucht eine Person, die nicht zu einer der beiden Seiten gehört und jeden Tag vor Ort ist.
Was ein Interim CMO in den ersten 30 Tagen liefern muss
Ein Interim CMO kostet viel Geld pro Tag. Deshalb sollte nach vier Wochen sichtbar sein, dass sich das lohnt:
- Bestandsaufnahme: Budgets, Kanäle, Agenturen, Team, Zahlen. Was läuft, was kostet, was bringt es?
- Drei Prioritäten: schriftlich, mit der Geschäftsführung abgestimmt, für die nächsten drei Monate.
- Erste Entscheidungen: mindestens ein Kanal, eine Agentur oder ein Projekt, das gestoppt oder neu aufgesetzt wird.
- Ein Reporting: eine Seite pro Monat mit den Kennzahlen, die zählen, allen voran den Kosten je qualifizierter Anfrage.
- Ein Plan für das Ende: Wie lange braucht es die Interim-Lösung, und was kommt danach?
Kosten und Laufzeit im Vergleich
Ein Interim CMO arbeitet in der Regel vier bis fünf Tage pro Woche für drei bis zwölf Monate. Die Tagessätze liegen deutlich über dem Gehalt einer festangestellten Marketingleitung, umgerechnet auf den Tag. Dafür entfallen Recruiting, Einarbeitung und Kündigungsfristen, und die Person ist nach wenigen Tagen arbeitsfähig.
Ein Fractional CMO kostet bei einem bis drei Tagen pro Woche entsprechend weniger und ist auf längere Zusammenarbeit angelegt. Eine Festanstellung ist auf Dauer am günstigsten, aber am langsamsten. Wie sich die Kosten eines Fractional CMO zusammensetzen, steht im Artikel zu den Kosten eines Fractional CMO.
Die Übergabe sauber planen
Die meisten Interim-Mandate scheitern nicht in der Mitte, sondern am Ende. Drei Wege sind üblich:
- Interim zur Festanstellung: Der Interim CMO hilft bei der Auswahl der Nachfolge und arbeitet sie mehrere Wochen ein.
- Interim zum Fractional-Modell: Nach der akuten Phase reduziert sich die Rolle auf ein bis zwei Tage pro Woche. Das Team behält Führung, ohne dass die Kosten einer Vollzeitstelle weiterlaufen.
- Interim zum Team: Eine starke Person aus dem bestehenden Team wird zur Marketingleitung entwickelt.
Welcher Weg passt, sollte nach den ersten 30 Tagen feststehen, nicht im letzten Monat.
Checkliste für die Geschäftsführung
- Braucht das Team täglich Entscheidungen, oder reichen feste Termine pro Woche?
- Gibt es einen festen Termin (Relaunch, Messe, Jahresziel), der nicht verschoben werden kann?
- Müssen in den nächsten drei Monaten unangenehme Entscheidungen fallen, etwa bei Agenturen oder Budgets?
- Gibt es jemanden im Team, der in sechs bis zwölf Monaten die Leitung übernehmen könnte?
- Wie lange dauert eine Nachbesetzung realistisch?
Lautet die Antwort auf die ersten drei Fragen „ja“, spricht viel für einen Interim CMO. Überwiegt das „nein“, ist ein Fractional CMO meist die bessere und günstigere Lösung.
